skip to main |
skip to sidebar
... ist keine Schande.
Und damit spiele ich keineswegs auf die traurigen Ereignisse vor 66 Jahren an, als die Russen ihren glorreichen Sieg über Deutschland errangen, was sie auch in diesem Jahr wieder mit einer prachtvollen Parade am 9. Mai ausführlich gefeiert haben. Sollen sie ja auch.
Dieses Jahr waren wir sogar mal in der für den Verkehr abgeriegelten Innenstadt und haben die Atmosphäre auf uns wirken lassen. Ich bin ja überhaupt kein Fan dieser dämlichen Militärparade. Aber es rührte mich schon zu sehen, dass so viele junge Leute den Kontakt zu den Veteranen des 2. Weltkrieges suchten, um Geschichte(n) aus erster Hand zu erfahren. Die Veteranen, Männer wie Frauen, waren unschwer zu erkennen. Nicht nur an den mit Orden behängten Uniformen, sondern auch an den Blumenbergen, mit denen sie von vielen Menschen beschenkt wurden.
Allerdings macht es mich auch wütend zu sehen, dass diese alten Leutchen offensichtlich meist in ziemlicher Armut leben. Da frage ich mich schon, warum der Staat viel Geld für Militärparaden ausgibt, aber keine ordentlichen Pensionen für die zahlt, die jedes Jahr so ehrenvoll bejubelt werden.
Aber das nur am Rande. Eigentlich soll es in diesem Beitrag ja um meine eigene Kapitulation gehen. Der Kapitulation vor der russischen Sprache. Wir leben jetzt schon seit zweieinhalb Jahren in diesem Land und ich kann immer noch nicht mehr als der Obstfrau mit Händen und Füßen zu zeigen, dass ich lieber rote statt gelbe Paprika möchte. Es ist schade, aber ich habe es aufgegeben.
Das nagt an mir. Wirklich. Schließlich sind Sprachen mein Beruf. Ich bin Übersetzerin. Mit Diplom. Nur leider nicht für Russisch.
Aber mal ehrlich. In der Schule habe ich jahrelang Französisch gelernt, um es bei Studienbeginn umgehend wieder zu vergessen. An der Uni habe ich mich für Spanisch als Erstsprache entschieden, mich mühsam durch unregelmäßige Verben gekämpft und ein herrliches Semester in Spanien verbracht, um mir dann später einen türkischen Ehemann zuzulegen, der mich nach Moskau verschleppt. Wozu das alles?
Okay, Englisch kann ich immer noch gut gebrauchen. Allerdings sprechen meine internationalen Kontakte hier auch nicht gerade auf muttersprachlichem Niveau und so gewöhnt man sich ein sehr einfach strukturiertes Englisch an, mit dem ich sicher in England keinen Blumentopf gewinnen würde.
Was soll ich also noch mit Russisch? Hätte ich hier eine zweite Heimat gefunden, die ich auch in den nächsten zwanzig Jahren nicht verlassen wollen würde, dann, ja dann könnte man mich täglich zum Russischkurs rennen sehen. Aber es werden vielleicht noch zwei oder drei Jährchen sein, dann führt uns unser Weg sicherlich in ein anderes Land oder zurück nach Deutschland. Und da Russisch eine Sprache ist, die man unbedingt üben, anwenden, gebrauchen muss, um sie zu erlernen und zu behalten, habe ich keine Hoffnung, dass mir meine Russischkenntnisse - sofern ich denn welche hätte - in der Zukunft erhalten bleiben.
Es ist wirklich eine schwierige Sprache. Keine Frage. Aber erlernbar. Wenn man sie denn anwendet. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Es gibt wohl einige Russen, die sich bemühen, die langsam und deutlich sprechen, wenn sie meinen verständnislosen Gesichtsausdruck bemerken. Manche versuchen sogar, ihr Anliegen in anderen Worten, einfacheren Sätzen zu formulieren. Aber das ist wirklich selten.
In den meisten Fällen sind die Russen einfach damit überfordert, wenn ihr Gegenüber kein Russisch spricht. Ich bin überzeugt, dass sie nicht unhöflich oder arrogant sein wollen. Sie sind hilflos. Zumindest hoffe ich das. Denn oftmals drehen sie sich einfach um und gehen weg, wenn ihnen eine Verständigung unmöglich scheint.
In der Türkei habe ich das ganz anders erlebt. Es macht nichts, wenn man nur zwei oder drei türkische Wörter kennt. Die Türken freuen sich darüber, kramen ein paar deutsche Wörter hervor und erzählen dir flugs ihre ganze Lebensgeschichte. Und du verstehst sie.
Nur wenige Russen können das. Vielleicht liegt es daran, dass Russen keine so vielfältige Mimik besitzen? Zumindest ist das mein Eindruck.
Manchmal passiert es mir auch, dass mein Gegenüber sich schon Mühe gibt, dass ich ihn verstehe. Er wiederholt seinen Satz. Immer und immer wieder in genau den gleichen Worten. Nur lauter.
Vielleicht sollte ich mir mal ein T-Shirt bedrucken lassen mit den Worten: "Ich bin nicht taub, ich spreche nur Ihre Sprache nicht."
Ich habe mich also zur Kapitulation entschieden, wohl wissend, dass ich damit niemals die Seele des russischen Volkes wirklich ergründen werde. Man lebt wie in einer Käseglocke, nicht ahnend was im Land und in der Gesellschaft wirklich vor sich geht. Das finde ich schon schade, kann es aber nicht ändern. Der Versuch, diese Sprache zu lernen, raubt mir zu viel Energie, die ich für andere Dinge in dieser anstrengenden Stadt brauche.
Aber da ich mit dieser Entscheidung in der Expatgemeinde hier in Moskau nicht alleine bin, arrangiere ich mich mit meinem Versagen und lache über mich selbst, wenn auf meinem Teller im Restaurant mal wieder ein Wachtelei mit Kaviar landet, statt einer Hühnchenbrust.
... auf die Südhalbkugel.
Hinweis: Dies wird ein Beitrag übers Wetter. Wer sich nicht fürs Wetter interessiert, der darf gerne wieder woanders über Bombardierungen, Tsunamis, Verstrahlungen und Wahlkampftaktiken lesen. Auswahl gibt es da derzeit ja genug...
Der März gehört mit zu den schlimmsten Monaten im Jahr.
Der Winter ist noch nicht zu Ende, aber der Frühling pirscht sich schon heran. Leider entgeht das dem Winter meist nicht und er mag sich nicht kampflos ergeben. Im Gegenteil. In den letzten drei Tagen hatten wir Temperaturen zwischen - 5 und + 8 Grad Celsius. Es gab Schnee, Schneeregen, Regen, Sonne und viel, viel Wind. Das ideale Wetter für Taschentuch- und Gummistiefelfabrikanten.
Es ist ein Schauspiel, das einen Schriftsteller zu literarischen Höchstleistungen antreiben kann. Ich würde aber dennoch gerne drauf verzichten. Zu viel Dramatik!
Der russische Wettergott ist übrigens ganz gemein. Er hat nämlich vor den Frühling das Tauwetter gesetzt. Während der Winter ja über Monate hinweg fleißig meterhohe Schneeberge angehäuft und mit eisigen Klauen festgehalten hat, muss der Frühling sich mit dem Tauwetter verbünden, um die Welt wieder ergrünen lassen zu können. Das heißt, sobald die Temperaturen wieder steigen, verwandelt sich Moskau in eine einzige, riesige, schmutzige Pfütze. Da es kaum mehr schneit, wird der noch vorhandene Schnee immer schwärzer, schmuddeliger, unansehnlicher. Wi-der-lich! Man will nur noch weg!
Und es tropft. Überall tropft es. Man kann keinen Schritt tun, ohne von oben mit Eiswasser gesegnet zu werden. Und man kann auch kein Auge zumachen, ohne dass es vor dem Fenster plitscht und platscht.
Das ist manchmal sogar recht gefährlich. Am Anfang sind die Dächer ja noch voller Schnee und Eis. Riesige Eiszapfen hängen teilweise von den Dachkandeln und drohen den ahnungslosen Spaziergänger zu erschlagen.
Und dann - ganz perfide - gibt es diese fiesen Fallen. Wenn die Temperaturen nachts sinken, dann frieren die Pfützen wieder zu und oftmals sind sie morgens von feinem Schneestaub verdeckt. Aua! Hochbetrieb in der Orthopädie! Mit langen Wartezeiten ist zu rechnen.
Ja. Der März in Moskau ist fies. Ganz fies.
Aber manchmal, wenn es weder schneit noch regnet oder stürmt, manchmal, wenn die Sonne mit großzügiger Erlaubnis des Winters vom strahlend blauen Himmel scheinen darf, dann merkt man, dass es nicht mehr lange dauert.
Bis zum Frühling.
(Derweil verabschieden wir uns für eine Weile aus Moskau und machen uns unter anderem auf den Weg zu unseren lieben Freunden nach Brasilien, denen wir ein paar Tage lang auf die Nerven gehen dürfen, bevor wir uns im April dann wieder vom Fortschritt des Frühlings in Moskau überraschen lassen.)