Montag, 27. September 2010

Zebrastreifenerlebnisse


Für meinen täglichen Spaziergang mit dem Hund gehe ich gewöhnlich in einen Park ganz in der Nähe unserer Wohnung. Dazu muss ich eine große Straße überqueren, ein Unterfangen, das manchmal einem Himmelfahrtskommando gleichkommt. Es gibt zwar einen Zebrastreifen, aber der ist für die russischen Autofahrer auch nur eine lustige Abwechslung.

Höchst selten hält ein Auto an, es sei denn, man steht schon mit einem Bein auf der Straße. Es ist ein wenig wie der ewige Kampf "Mensch gegen Maschine". Wer stoppt, wer traut sich weiterzugehen, wer hat die stärkeren Nerven? Inzwischen habe ich mich einigermaßen an das Spielchen gewöhnt. Anpassungsfähigkeit ist eine wichtige menschliche Eigenschaft. Wie wichtig, das erfahre ich hier in Moskau täglich hautnah und am eigenen Leib.

In der Gegend unseres Hauses treibt auch eine der vielen Moskauer Straßenkötergangs ihr Unwesen. Die drei nicht gerade kleinen Hunde streunen mal hier und mal dort, liegen unter den Büschen vor dem Haus, stromern durch den Park oder verbellen vorbeifahrende Autos. Zu Anfang haben sie meinen Adrenalinspiegel immer rapide in die Höhe schnellen lassen. Mittlerweile weiß ich, dass sie eigentlich harmlos sind, so lange man sie ignoriert.

Wir nennen die drei räudigen Gesellen inzwischen liebevoll "Die Gang" und haben uns - Stichwort Anpassungsfähigkeit - an sie gewöhnt. Allerdings fragte ich mich immer, wie die Jungs es schaffen, heil und unversehrt die Straße zu überqueren.

Am Sonntag konnten wir nun beobachten, was wir kaum für möglich gehalten hatten. Das herrliche Altweibersommerwetter hatte uns alle - also Vater, Mutter, zwei Kinder und ein Hund - in den Park gelockt. Auf dem Rückweg sahen wir einen der Köter aus der Gang. Er war auf der Verkehrsinsel in der Mitte der mehrspurigen Straße und schickte sich an, die Fahrbahn am Zebrastreifen zu überqueren.

Da geschah es. Wir wurden wieder einmal Zeuge der unbändigen russischen Tierliebe. Ein Autofahrer hielt an und ließ den Straßenhund in aller Ruhe über den Zebrastreifen auf die sichere andere Seite der Straße spazieren. Wir blieben staunend zurück und es brauchte ein paar Minuten, bis sich ein weiterer Autofahrer erbarmte und auch für uns - also Vater, Mutter, zwei Kinder und ein Hund - am Zebrastreifen bremste.

Es stellt sich nun die Frage, ob der nette Autofahrer für uns - also Vater, Mutter, zwei Kinder - angehalten hatte - oder für unseren Hund...


Freitag, 24. September 2010

Back for good


Es ist Herbst in Moskau. Jeden Tag werden die Blätter an den Bäumen bunter. Ein schöner Anblick von unserem Fenster über den Park hinweg, sofern die Sonne scheint. Und das tut sie recht oft in letzter Zeit.

Auch innerlich. Also meine Gemütslage könnte man als sonnig bezeichnen. Zur Zeit fühlen wir uns alle sehr wohl hier in Moskau. Auch die Kinder scheinen endlich richtig angekommen zu sein. Zumindest verlief der Start ins neue Schuljahr am ersten September sehr unkompliziert. Morgens gehen die Damen relativ gut gelaunt aus dem Haus und wenn ich sie vom Schulbus abhole und frage, wie der Tag denn so war, vernehme ich doch wirklich fast täglich ein fröhliches "Schön!" aus dem Mund beider Kinder. Im letzten Jahr war das nur höchst selten der Fall.

Der Sommer in Deutschland und unser Urlaub in der Toskana waren wirklich erholsam. Moskau wäre bei den Klimaverhätlnissen und dem Smog auch keine Alternative gewesen. Dennoch sind wir froh, wieder zurück und im Alltag zu sein.

Jetzt heißt es, die letzten Sonnentage zu genießen, um Kraft und Energie für den langen Winter zu tanken.

Donnerstag, 16. September 2010

Russians love their children too


In den Achtzigern, auf dem Höhepunkt des Wettrüstens, zu Zeiten des Kalten Krieges zwischen Ost und West, als "The Day After" in den Kinos lief und die Amerikaner Tripolis bombardierten, war ich im übelsten Teenager-Alter, voller Ängste ob der düsteren Zukunft, die dieser Welt bevorstand.

Damals war mir Sting, der mit "Russians" gegen den Kalten Krieg ansang, ein Tröster in den dunkelsten Teenagermomenten. Seine Musik war voller Hoffnung.

Ob er jemals gedacht hätte, dass er 25 Jahre später "Russians" vor russischem Publikum in einer ausverkauften schicken Konzerthalle am Rande Moskaus singen würde? Ich jedenfalls hätte es mir nie und nimmer vorstellen können, und schon gar nicht, dass ich höchstpersönlich dabei sein würde. Sting live on stage in Moskau. Welch ein fantastisches Ereignis.

Mit seinem neuen Album Symphonicities tourt Sting derzeit durch die Welt. Mit ihm auf der Bühne, neben einer hervorragenden Sängerin und seiner fantastischen Band, das Royal Philharmonic Concert Orchestra.

Schon viele Musiker haben ihre altgedienten Songs mit Klassikuntermalung aufgehübscht. Meist findet man das zwar ganz nett, möchte nach ein paar Mal Hören aber die alte Version zurück.

Bei Stings Ausflug in das Klassikgenre ist das anders. Seine Musik geht mit den Klängen des Orchesters eine Symbiose ein, die ich mir stundenlang anhören könnte. Das Orchester trägt nicht nur mit Streicherklängen im Hintergrund zu den ruhigen Stücken bei, es setzt in allen Liedern besondere, ungewöhnliche Akzente. Die Songs kommen daher wie ein alter, liebgewordener Bekannter, der seine zerschlissenen Jeans gegen feinen Zwirn eingetauscht hat, der erwachsener geworden ist und bei dessen Anblick man denkt: "Immer noch der Alte, aber der neue Look steht ihm ausgesprochen gut!"

Über mehr als zwei Stunden durften wir diesen neuen alten Klängen gestern lauschen. Sting hat nicht nur eine unverwechselbare, wunderschöne Stimme, der Mann kann auch verdammt gut singen! Beeindruckend, wie kraftvoll er auch gegen Ende des Konzerts alle Töne traf. Es gehört schon viel dazu, sich als allerletze Zugabe allein vor das Publikum zu stellen und a capella ein paar Zeilen zu singen. Großartig!

Wer übrigens denkt, dass man mit Orchesterbegleitung nicht abrocken kann, der sollte sich "Next to you" anhören. Seit ich dabei den Dirigenten gesehen habe, bin ich der Überzeugung, dass Männer beim Abtanzen einen Schwalbenschwanzfrack tragen sollten. Ein wunderbarer Anblick!

Es ist nicht einfach zu sagen, welches Lied mir gestern Abend am Besten gefallen hat. "Englishmen in New York" fand ich wunderschön. Aber "Moon over Bourbon Street" in einem völlig neuen Arrangement beeindruckte mich wirklich. Gänsehaut pur!

Sting redete nicht viel. Einzig vor der Version von "Russians" las er ein paar Worte auf Russisch vor. Hm. Ich habe es nicht ganz verstanden, er wiederholte es leider auch nicht auf Englisch, aber ich denke, er wollte nochmal betonen, dass der Kalte Krieg zum Glück vorbei ist. So richtig begeistert waren die Russen nicht von dem Song, aber vielleicht ist für sie der Inhalt der Lieder auch zweitrangig und, wie Sting so schön in einem Interview sagte: "Das Stück ist ja heute museal, es hat keine Bedeutung mehr."



Es ist im Übrigen immer ein Erlebnis, ein Konzert in Russland zu besuchen. Würde man die Absätze der anwesenden Damen übereinander stapeln, könnte man den Astronauten der ISS damit einen Gruß hinüberreichen. Alle Klischees werden hier ausreichend bedient. Mit Jeans und normalem Oberteil war ich mal wieder total underdressed. Und es war auch ein typisches Moskauphänomen, dass wir auf dem Heimweg eine halbe Stunde auf dem Parkplatz im Stau standen. Da wird von den Autofahrern jeder Zentimeter, den man vorwärts kommen kann, gnadenlos ausgenutzt. Dass dabei nur noch mehr Stau und Chaos entsteht, ist Nebensache.

Aber so sind sie, die Russen. Bei allem Chaos gewinne ich sie langsam richtig lieb. Sogar wenn sie, wie mein Sitznachbar gestern nach überfülltem öffentlichen Transportmittel riechen.

Dem Genuss, Sting und seinen grandiosen Musikern zuzuhören, hat das überhaupt keinen Abbruch getan. Ich habe jede Sekunde und jeden einzelnen Ton genossen.